345 km von allen Kolleg:innen

Ein rotes Rennrad liegt am Straßenrand vor einer hügeligen Abfahrt bei schönem, blauem Himmel und sich anbahnendem Sonnenuntergang.
Jeff Chi,

Seit einem halben Jahr arbeite ich komplett remote und mit einigermaßen freier Zeiteinteilung. Fehlen soziale Kontakte vor Ort und ein strukturierter Tagesablauf? Anhand von drei Beispielen möchte ich aufzeigen, warum ich durch die neue Arbeitsweise vor allem viel Zeit gewinnen konnte.

Drei Beispiele für mehr Zeit durch Remote-Arbeit

Meine Kolleginnen und Kollegen sitzen im Durchschnitt 345 km von mir entfernt.* Von meinem Wohnort in Nürnberg – ziemlich in der Mitte Europas – wären es 294 km Luftlinie nach Zürich, wo ich das erste Team-Mitglied treffen könnte. Am weitesten hätte ich es zum required-Office in Schwerin, das 465 km Luftlinie entfernt liegt.

(* Den Mitarbeiter in Bangkok mal ausgeklammert, damit die Zahlen greifbarer sind.)

Auf einer Deutschlandkarte mit Mittelpunkt Nürnberg sind mehrere Radien abgebildet, die die Entfernung nach Zürich, Schwerin und den Durchschnitt von 345 km markieren.
Ich müsste schon eine Weile von Nürnberg aus fahren, um ein anderes Team-Mitglied von required zu treffen.

Was bedeutet das, wenn alle anderen so weit entfernt sitzen? Bis vor einem halben Jahr habe ich noch in einem „9-to-5”-Job in einem Büro in Nürnberg gearbeitet. Im direkten Vergleich sind mir einige Effekte aufgefallen, die 100 % remote arbeiten auf das tägliche Leben hat. Ich möchte in drei Beispielen zeigen, warum es für mich vor allem eins bedeutet: „Mehr Lebenszeit“.

Zeit sinnvoll nutzen bei 200 km/h

Ich habe Freunde und Familie in ganz Deutschland. Zu meinen Eltern sind es zum Beispiel 3,5 Stunden Fahrtzeit mit dem Zug. Ein typischer Wochenendbesuch sah früher so aus, dass ich freitags bis 17 Uhr im Büro saß und mich dann hetzen musste, um 17:30 Uhr pünktlich am Hauptbahnhof zu sein. Gegen 21 Uhr konnte ich dann bei meinen Eltern ankommen und mich noch zwei Stunden mit ihnen unterhalten, ehe es ins Bett ging. Am Sonntag musste ich dann nach dem Abendessen gegen 19 Uhr wieder zurückfahren – das Büro wartete am Montagmorgen wieder auf mich.

Ein Wochenende außerhalb Nürnbergs und ohne Ferientage begann also nie vor Freitagabend und endete keine 48 Stunden später. Durch die späten Ankünfte nach den langen Zugfahrten war ich oft wenig ausgeruht.

Mit meinem Remote-Job kann ich die beste Hinfahrt raussuchen, abhängig von Preis und gewünschter Ankunftszeit. Ich kann ja im Zug vollwertig arbeiten, oder vor Ort noch etwas nachholen, wenn ich angekommen bin. Und um den Stress weiter zu senken, warum nicht erst am Montag nach einem gemeinsamen Frühstück wieder nach Hause fahren?

Das flexible Arbeiten von überall reduziert für mich regelmäßig „sinnlose“ Transit-Stunden und verschafft mir stattdessen mehr Zeit mit meinen Mitmenschen. Gleichzeitig spare ich so auch Urlaubstage, die ich nur für die Reisen selbst gebraucht hätte.

Auf einem Stehtisch im Bord-Bistro eines ICE-Zuges stehen ein MacBook und eine Flasche alkoholfreies Bier. Das Bier wurde bereits in ein danebenstehendes Glas eingeschenkt.
Nach dem Umstieg in den letzten Zug leite ich das Wochenende mit einem alkoholfreien Bier ein, während ich meine letzten Arbeiten dokumentiere.

17 Uhr, alles dunkel – und jetzt?

Gerade geht die dunkle Jahreszeit zu Ende, und auch diese konnte ich durch das Remote-Arbeiten besser nutzen. Zu Weihnachten gönnte ich mir ein gebrauchtes Rennrad – toll, aber wann sollte ich damit fahren? Auch wenn das Wetter langsam milder wurde, spätestens um 17 Uhr war es stockdunkel. An einem „normalen“ Arbeitstag würde ich dann nach dem Abendessen auf dem Sofa „herumgammeln“, obwohl Körper und Geist eigentlich noch Bewegung gebraucht hätten.

Mit einem flexiblen Remote-Job kann ich mich fragen: Warum nicht um 15:30 Uhr nach sechs Stunden Arbeit frühzeitig „Feierabend“ machen und noch zwei Stunden mit dem Rennrad rausfahren? Mit freiem Kopf und entspanntem Körper kann ich nach dem Abendessen die fehlenden Stunden nacharbeiten, während meine Partnerin mir Gesellschaft leistet und auf dem Fernseher leichte Unterhaltung läuft.

Nach dem gleichen Prinzip kann ich mich auch unter der Woche beim Lunch mal mit Freund:innen treffen, die selbst volle Terminkalender haben und die ich sonst selten sehen würde. Den Laptop nehme ich einfach mit und nach einer Stunde bin ich wieder für Kolleg:innen und Kund:innen im Einsatz.

Jeff, der Autor dieses Artikels, sitzt in einem modern eingerichteten Restaurant. Er deutet auf einige Schalen mit chinesischen Nudelgerichten, die vor ihm auf dem Tisch stehen.
Immer nur am Wochenende essen gehen ist doch schade, wo es in einer großen Stadt wie Nürnberg doch so viele Angebote gibt – zum Beispiel das vegane Sichuan-Street-Food aus der „Kaschemme“. (Foto: Sarah Kohl)

Alle wollen was von einem …

Und dann gibt es noch die Ärzt:innen, die Behörden, die Handwerker:innen, die Interessent:innen meiner digitalen Kleinanzeigen – und alle wollen Termine ausmachen. Meine neue Standard-Antwort an sie lautet: „Unter der Woche kann ich eigentlich immer.“ (Außer natürlich zu Zeiten, wo Calls anstehen, welche ich vorher im Kalender checke.) Dass ich solche kurzen, aber notwendigen Termine flexibel unter der Woche abarbeiten kann, macht die Abende und Wochenenden freier.

Jeff sitzt mit dem Rücken zum Betrachter an einem Schreibtisch mit mehreren Monitoren. Im Vordergrund steht eine große Zimmerpflanze.
Wenn nichts Besonderes ansteht, verbringe ich meine Arbeitszeit im Co-Working-Büro des „DESIGNVEREINs“ in meinem Viertel. Immer mal wieder gibt es aber die ungeplanten Termine des Alltags. (Foto: Alex Mages)

Einmal mit Profis

Die Freiheiten, die ich in meinen drei Beispielen geschildert habe, funktionieren nur mit einem Team aus echten Expert:innen, bei denen ein Zahnrad ins andere greift. Glücklicherweise gibt es Faktoren, die es uns erleichtern, 100 % remote zu arbeiten:

  • Die Kundenkommunikation ist auf viele Personen verteilt und findet so weit es geht per E-Mail statt. Es muss also nicht jede:r nach außen immer sofort verfügbar sein.
  • In der Web-Branche verwenden wir standardisierte Frameworks und gut dokumentierte Software. Als einzelner Entwickler kann ich ohne viele Rückfragen nachlesen und verstehen, wie etwas funktioniert.
  • Die Arbeit mit dem System „Git“ ermöglicht mir, dass ich selbständig und zeitlich versetzt von meinen Kolleg:innen Code bearbeiten kann. Ich kann neue Programmierungen „pushen“, die Arbeit der anderen „pullen“, gemeinsame Entwicklungen „reviewen“ und verschiedene Stände „mergen“.
  • Als digital-affine Menschen sind wir konstant in unserem Slack-Workspace online und untereinander erreichbar. (Natürlich nur, wenn wir gerade arbeiten.) Es kommt also kaum vor, dass meine Kolleg:innen mir plötzlich ohne Vorwarnung längere Zeit nicht antworten.

Wenn sich alle daran halten, funktioniert die Arbeit sogar wesentlich effizienter, als in klassischen Büros. Das hohe Maß an Eigenverantwortung lässt aber weniger Platz für Praktikant:innen oder Berufseinsteiger:innen, die mehr Betreuung bräuchten. Wir Team-Mitglieder müssen uns stets gegenseitig vertrauen können, dass wir unsere Arbeit gewissenhaft ausüben – aber gilt das nicht eigentlich für jeden Job?

Ich hoffe, in diesem Artikel konnte ich gut darlegen, wie mir das flexible Remote-Arbeiten mehr Zeit verschafft. Mehr Zeit bedeutet mehr Freizeit, mehr Freizeit bedeutet höhere Lebensqualität und höhere Lebensqualität bedeutet wieder mehr Energie fürs Arbeiten. Eine Gleichung, die für mich voll aufgeht!

Jeff sitzt bei gutem Wetter mit einem MacBook auf dem Schoß vor einem Café.
Bei schönem Frühlingswetter fällt es einem manchmal schwer, im Büro zu bleiben. Glücklich ist derjenige, der das gar nicht muss. (Foto: Sophie Görgen)